Auf der Windkante

Die Gespenster tanzen in stoffloser Leichtigkeit und seidener Eleganz. Wirbeln sie geräuschlos über die Haut und dringen tief darunter. Ohne, dass ein Schnitt zu erkennen wäre. Ohne, dass sie mir ein Stöhnen oder Ächzen entlocken würden. Hüllen sie mich ein in ihre Schleier. Wenn ich die mir am zerbrechlichsten unter ihnen Erscheinende zum Tanz auffordern möchte, wendet sie sich von mir ab. Und führt ihre Seidenklinge tiefer voran. Das hat man davon, wenn man das Tanzen nie lernen wollte. So bleibe ich still und stumm sitzen. Um die Geräuschlosigkeit die meiner Materie entfahrenden Schreie hören zu können. 

Die Strategien dem zu begegnen? Als allererstes natürlich das Anerlesene mobilisieren. Gegen diese Totentänzer ins Feld führen. Und das sind schwere Geschütze, die ich da auf euch abfeuere. Vor dem Feuern kommt natürlich das Sondieren der Lage. Die Feindaufklärung. Und ich erkenne Paradigmen aus mehr als zehen Jahren. Die mich erschüttern. Gerade in diesem Moment. Nach mehr als einem Jahr wieder am selben Punkt zu stehen. Aber die Aufklärung war das Ziel und ist geglückt (oder wurde sich selbst zum Problem). Aus der Bibliothek werden die Bände gezogen und zum Gegenschlag bereitgemacht. Wenn mir ein befreundeter kränklicher Apotheker rät, in der Bresche stehen und aushalten, bis man fällt, dann soll es so sein. Nervöse Finger führen die Feldflasche zum Mund und nehmen einen tiefen Schluck. Lass das Trommelfeuer den verwolkten Himmel in Tageshelle erscheinen. Das Feuer ist frei und als ich losrenne, da sehe ich ihn neben mir. Den Freund vom Zauberberg bei denen da oben. Rennen wir gemeinsam drauflos. 

Und es ward Stille im Niemandsland, als ich den Freund zwischen den Kratern, Gräben und Stacheldrahten aus den Augen verlor. Fand ich mich in einem Liegestuhl sitzend. Ihn hinter der Michglasscheibe hoffend. Ohne daran zu glauben. Und ein Fetzen aus einem lange verklungenen Gespräch drang an mein Ohr. Ein Fetzen, den ich selbst gestreut hatte. Unter einer Decke auf einer Pritsche liegend. Sie alle immer wieder zu fragen, brauche ich. Aber irgendwann fängst du an, ein akademisches Problem zu lösen. Du setzt die aus dem Flüstern zwischen den Zeichen kommenden Stimmen zueinander ins Verhältnis. Führst mit kühler Präzision den Stift über das Papier. Meine Klinge, die ich gegen die Gespenster führe. Aus der Mensur bleibt nichts auf der Haut gezeichnet. So blickst du aus der Distanz auf das, was du da hörst. Und siehst dich selbst daneben stehen. Dich fragend, wann eine Erzählerfigur auftritt, die dein textinternes Dilemma auflöst. 

So bleibe ich da stehen und tröste mich mit Theorie. Mir sagend, dass sie nie grau ist und nie sein wird. Weil ich mich in ihr bewege, ohne in Zwang zu verfallen. Und der Mensch nur da frei ist, wo er spielt. Suche ich nach anderen Strategien. Keep it doped with Religion and TV. Und aus der Tiefe, Vater, rufe ich zu dir. Mich nicht schämend, bis hierhin jahrelang immer die gleichen Formeln jeden Abend gemurmelt zu haben. Mich nicht schämend, jetzt nach Hilfe zu fragen. An Ostern hielt ich es doped with TV. Der Kurzschluss zur Allegorie dieses Festes war mir to much. I wear this Crown of Thornes upon my Liars Chair. 

Die Gespenster tanzen und du bleibst bewegungslos reglos. Und dennoch bleibt es nicht bei der fühlbaren Fühllosigkeit. In diesem Frühjahr ist es nochmal kalt geworden. Der Garten sollte ein Anfang werden und ein Kontakt zur Erde. Furchen in das nasse Erdreich gezogen und mit Saat gefüllt. Als die Sonne die Muttererde wärmte. Liegen sie nach diesen Tagen im erfrosteten Boden. Und du auf dem Sofa. Oder im Bett. Oder sitzt bei Kaffee in der Küche. Bewegst dich immer dazwischen. Mit dem Frost wurde es wieder kalt. Die Neigung zur Nasennebenhöhlenentzündung steht da dem Radfahren im Weg. Und die letzte Trinkflasche ist ja auch im Straßengraben gelandet. An einem Sonntag muss es erst Nachmittag werden, ehe du die Jogginghose mit der langen Rennshort tauschst. Turn my Collar to the Cold and Damp. Thermounterhemd. Trikot. Jacke. Alles in schwarz. Klickt der Schuh ins Pedal. Und du drehst an der Kurbel. 

Das beständige Sausen der Kette beruhigte mich schon immer. Auf den Tacho gucke ich heute nicht.   Es geht nur ums Kurbeln. Zwischendrin ruhig mal rausnehmen. Rollen lassen. Gute Vorsätze sind zum Brechen da. Und ich halte kräftig rein. Wenn es nur ein paar Kilometer werden, dann ruhig heftige. So sause ich ganz in schwarz dahin. Nur der grüne Helm hebt sich vom grauen Asphalt ab. Läuft gut. Rauf aufs große Kettenblatt. Drücke ich die großen Gänge. Allez! Wie der Pirat. Komm schon, Junge. Unablässig immer wieder Attacke. Aus den Poren fließt mit jedem Tropfen Schweiß ein Liter Testosteron, der im Wind verdampft. Hau es alles ins Pedal und hämmer es in den Asphalt.  Und urplötzlich wird mir klar, dass ich die Rechnung ohne den Wind gemacht habe. Und keine Trinkflasche dabei habe. Und auch nichts mehr, das ich noch anziehen könnte. Als ich dann doch auf den Tacho blicke sehe ich, wie mich eine Kurve vom Seitenwind in den Gegenwind führt.

Und bin voll auf die Kante gesetzt und festgenäht. Im TV wäre das jetzt der Moment, wo ich den heroischen Kampf des Unbeugsamen erkennen würde. Der Anstieg wird dazu steiler. Meine Chance. Im Rhythmus an der Kurbel bleiben. Kräftig aber spielerisch am Lenker ziehen und ein paar Ritzel hochschalten. Da hat kein Gegner was entgegenzusetzen. Außer der Berg in mir. Den ich mich strohfeuernd einige Meter hochfresse. Ehe ich rausnehmen muss. Und merke, dass es nichts heroisches hat, die eigene Kaputtheit mit jedem Atemzug mehr zu spüren. Der Wind bläst dir die letzte Kraft aus den Beinen; wenn dir schon sonst nichts geblasen wird. Da geben dir der Wind und der Berg eine Möglichkeit. 

Im TV beschützen die Helfer in Berg und Wind ihren Kapitän. Setzen sich vor ihn, um ihn vor dem Wind zu schützen. Ziehen ihn den Berg hoch. Bis der Augenblick kommt, an dem sie neben dem Motorrad mit der Kamera fahren. Sie gehen aus dem Unterlenker und blicken einmal direkt in diese Kamera. Gucken dich aus zerkurbelten Augen einen kurzen ewigen Augenblick lang an. Und schütteln dann den Kopf. Halten die Hand vor die Kamera. Wollen alleine sein mit sich selbst, wenn sich der Körper nach Implosion anfühlt. Der Wind und der Berg geben dir eine Chance: Dein eigener Kapitän zu sein. Beschütze dich selbst. Schieb dir eine Zeitung unters Trikot, wenn du frierst. Schalte runter. Tanz mit den Gespenstern.