Die Philosophie des Radfahrens

In der letzten Zeit hatte ich einige Mühe, mich zu konzentrieren. Deshalb viel mir auch das Lesen schwer, was mir natürlich richtig aufs Gemüt geschlagen hat. Ernst Jüngers Kriegstagebuch „In Stahlgewittern“ hat mich atmosphärisch eingesogen und auch kritisch gestimmt. Für diesen Feldzug habe ich ungefährer drei Monate gebraucht. Danach habe ich erstmal nichts mehr außer der Fernsehzeitung gelesen. Zu Weihnachten konnte ich dann ein wunderbares Päckchen aus dem Briefkasten holen. Mein Freund Antonio machte mir eine riesige Freude mit seinem zuletzt erschienenen Buch über Walter Benjamin (erschienen in der Reihe Philosophie für Einsteiger im Fink Verlag) und dem genialen Sammelband „Die Philosophie des Radfahrens“, der 2017 bei Suhrkamp erschienen ist. Nochmals den besten Dank, lieber Antonio.

Die Philosophie des Radfahrens

Der Sammelband vereint Texte Über das Radfahren aus philosophischer Sicht von Denkern aus aller Welt. Die Herausgeber J. Ilundáin-Agurruza, M.W. Austin und P. Reichenbach haben dabei darauf verzichtet, die „großen Alten“ mit aufzunehmen. Zu Beginn habe ich dies erst bedauert, hatte ich mich doch auf meinen geliebten Roland Barthes und seine „Tour de France“ als Epos gefreut (erschienen in „Mythen des Alltags“, ebenfalls erhältlich bei Suhrkamp). Schon nach der Einleitung war dieses Bedauern verflogen. Hier berichten (noch lebende!) Philosophen von ihrer Passion zum Drahtesel, mit der ihnen eigenen Präzision und Stimme. Großartig! So finden sich vor allem persönliche Erfahrungsberichte, die in philosophische Kontexte gerückt werden. Dies aber auf eine so angenehm entspannte Art und Weise, dass auch Wald-und-Wiesen-Philosophen nicht von Hegel und Kant erschollagen werden. Auch der Humor kommt nie zu kurz. Etwa bei den jeden Text abschließenden Autorenporträts. „Raymond Angelo Belliotti war sehr jung, als er geboren wurde. (…) Er lief einige Marathons, (…) schrieb ein paar Bücher (…) verlor den Großteil seiner Haare (…).

Meditation im roten Pulsbereich

Was allen Autoren und Autorinnen anzumerken ist, ist ihre große Liebe zum Rad und der Philosophie. Dabei verzichten sie, wie erwähnt, auf die großen toten Theoretiker, aber auch auf Hymnen an die großen Heroen des Radsports. So entsteht ein fesselndes Gefühl beim Lesen, das den Geist inspiriert und die Beine nach Qualen im Wiegetritt rufen lässt. „Radfahren bedeutet, das Leben auf das Nötigste zu reduzieren, ohne einen anderen Anspruch als den, immer weiter in die Pedale zu treten“, ist einer dieser mich sehr anregenden und berührenden Sätze, den Steven D. Hales  uns ans Herz legt. Für mich ist das Rad immer eine Art Insel gewesen. Im Sattel konnte ich ein Robinson sein. Allein mit mir und meinen Gedanken und dem Körper, der jede Eruption am Lenker spürt. Bei der nächsten Ausfahrt werde ich mal versuchen, mich ganz auf das Vereinfachen zu konzentrieren, das Hales  vorschlägt. Aus der Hektik des Alltags ausbrechen, wie aus dem Peloton und in der Fluchtgruppe wissen, dass ich nicht vor mir und dem Leben wegfahre, aber selbst bestimme, wann attackiert und wann ausgeruht wird.

Der Kampf gegen die Uhr

Wie oft haben wir keine Zeit? Oder meinen es zumindest. Irgendwo im alltäglichen Leben verrinnt uns die Zeit zwischen scheinbar unwichtigen Dingen und Arbeit. Als ich die Diagnose bekam, hörte ich ständig das Surren einer Kette im Ohr (nein keine Stimmen). Was da rhythmisch in den Zahnkranz griff, war die Kette einer Zeitfahrmaschine. Mich beruhigten das Geräusch und die Vorstellung, eines Tages wieder so lebendig zu sein, ein Zeitfahren absolvieren zu können. Weiterhin gab es mir Geborgenheit, an diese zusammengekauerte Sitzposition auf dem Aero-Lenker zu denken, und aus dieser finsteren Zeit in Schallgeschwindigkeit davon zu brausen. Aus eigener Kraft. Gedankengänger ähnlicher erörtert Bryce T. J. Dyer in seinem Beitrag „Lasst dem Tier freien Lauf – Das Zeitfahren und die Technik“. Der Philosoph untersucht das menschliche Verlangen mit der Maschine zu verschmelzen und dadurch Fortschritt zu generieren. Hierfür zieht Dyer den Präzedenzfall schlechthin aufs Papier: Den Stundenweltrekord. Immer wieder haben sich die Größten der Großen an das wahnwitzige Unterfangen gewagt, in einer Stunde im Oval so viele Kilometer wie möglich abzureißen. Der Philosoph  beleuchtet an diesem Beispiel, das Spannungsverhältnis von persönlicher Leistungsfähigkeit und technischer Innovation. Spannend wie ein Weltrekordversuch selbst.

Auf dem Weg ins Ziel

„Die Philosophie des Radfahrens“ ist ein wirklich wunderbarer Band, den ich euch nur ans Herz legen kann. Hier finden nicht nur Radsportbegeisterte oder Philosophen großartige Lektüre. Hier geht es ums Menschsein in seiner elementaren Bedeutung. Und um das große Glück, in freier Natur auf dem Rad durch das Leben zu fahren. „Die Zeit fällt aus den Angeln und erreicht einen Zustand der Vollkommenheit. Radfahren bedeutet, die gleichförmige, unbedeutende Zeit, die wir sonst von den Uhren kennen, hinter uns zu lassen“, bringt es Steen Nepper Larsen auf den Punkt.

Noch eine kleine Anekdote zum Schluss. Ich sitze gerade im Café Timeout (wie passend). Von meinem bequemen Sofa aus, kann ich eine in der Ecke stehende Harley Davidson bewundern. Dabei fällt mir ein Gespräch zwischen Erik Zabel und (ich glaube) Rolf Aldag aus dem Dokumentarfilm „Höllentour“ von Pepe Danquart ein. Zabel wird nach einer Tour-de-France-Etappe im Bett liegend massiert und erklärt die besondere Bedeutung von Zimmerkollegen auf einer Rundfahrt. Aldag und er seien echte Freunde (Männerfreunde). Da könne über alles geredet werden. Sogar über die Angst des Sprinters Zabel vor den Bergen. Da baue Rolf ihn immer wieder auf, beispielsweise mit Sätzen wie „Junge, du fährst Fahrrad wie n Moped. Mach dir da mal keine Sorgen“. In einer der nächsten Szenen blickt Zabel auf ein majestätisches Bergmassiv, das jedem Kletterer das Herz vor Leidenschaft springen lässt und kommentiert trocken: „Jetzt guck dir die Scheiße an“.

Wie gut, dass ich nach Hause nur noch eine Abfahrt vor mir habe.

Die Philosophie des Radfahrens. Herausgegeben von  J. Ilundáin-Agurruza, M.W. Austin und P. Reichenbach. Erschienen bei Suhrkamp 2017. Preis 10 Euro.