Für den Pirat

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In dem Sommer, in dem ich begann lesen und schreiben zu lernen, verbrachte ich viel Zeit auf dem Bolzplatz. Aber ich meine mich zu erinnern, oder erinnern zu wollen, auch die eine oder andere Stunde vor dem Fernseher verlebt zu haben. Vielleicht gab es Diskussionen mit den Eltern. Das Wetter war so gut. Fernsehen das am Wenigsten einem Kind eignende und zugutekommende. Aber es brachte mich nach Italien, Frankreich und Spanien. Länder, die ich nicht gesehen hatte. Hatte noch keine Bildungsreisen in meinem Entwicklungsroman dorthin unternommen. So kam ich vielleicht vom Bolzplatz, aus dem Schwimmbad oder von einem Freund. Und saß in diesem Sessel, der heute ein anderer ist, aber immer noch an derselben Stelle steht. In der Nachbarschaft gab es Leute, die zum Radfahren ein magentafarbenes Trikot anzogen. Vielleicht fuhren sie nur bis zur Eisdiele. Egal, ich fühlte, dass auch ich Magenta mögen müsse. Und ich freute mich ehrlich über jeden rassigen Zielsprint, in dem einer die Arme zum Himmel hob, der eigentlich in Magenta fuhr, aber immer Grün trug. 

In den Bergen wurde es unüberschaubarer. Natürlich wollte ich, weil wir Landsmänner waren und sind, dass der in Magenta Kämpfende, wie im Jahr zuvor, wieder Gelb trug. Aber da war immer ein Anderer. Mehrere Andere. Unter ihnen einer, der schon Rosa gewonnen hatte. Als Kind wollte ich Kapitän werden. Zur See fahre und die ganze Welt sehen. In diesen schon im Fernsehen bedrohlich wirkenden Anstiegen tauchte dann der Pirat auf. Die Wogen brachen selbst hervorgerufen über dem Peloton zusammen. Tête de la course, poursuivants, peloton, arrière de la course, grupetto. Und der Pirat litt mittendrin. Der Landsmann in Magenta, ein verschworener Eidgenosse, ein existentieller Franzose. Ob der später so geliebt-verehrte Amerikaner dabei war, sagt mir die Erinnerung nicht mehr. Der Pirat war immer zwischen Enterhaken und Kentern. Mittendrin, aber nie im Mittelmaß. Vom Sessel bin ich aufgesprungen, wenn du attackiert hast. Wenn du alles, dich selbst, in die Waagschale geworfen hast. Unablässig, immer wieder Attacke gefahren bist. In den Sessel habe ich mich gekauert, wenn du ein toter Mann warst, oder der Mann mit dem Hammer hinter der nächsten Serpentine lauerte. Komm schon, Pirat, das ist noch nicht das Ende. Greif an! Zeig es ihnen! 

Du warst so oft tot und bist zurückgekehrt. Dann wurde es immer ganz ruhig inmitten der Holländerkurve. Wenn du von gefühlt Null über Meer (oder noch darunter) in die steilsten Rampen fuhrst, umgab dich die Ewigkeit in der Vergänglichkeit des Augenblicks. Du bist mit allem gefahren, was du hattest. Als der Mensch, den ich mir vorstelle, der du gewesen sein könntest. Marco, ich danke dir. Vielleicht mag diese Erinnerung an die Kindheit im größten Maße wunschgetriebene Konstruktion sein. Das alles war ein Teil meiner Kindheit. Meine Kindheit, die mich noch heute berührt. Meine Kindheit, in der ich so unfassbar glücklich war, ohne es merken zu müssen, da jeder Tag etwas barg, nach dem ich suchen konnte und durfte. 

Letzten Winter kaufte ich mir einen Rollentrainer. Saß auf dem Rad in der Rolle und quälte mich der Monotonie des Schwungrads ins Pedal tretend Bewegung zu verleihen. Durch eine Unebenheit des Schlauches hörte es sich wie eine Dampflok an, aber ich war nicht einmal eine Draisine. Nach 20 Minuten hatte ich meist keine Lust mehr und öffnete das Fenster noch weiter, um im Höhentrainingslager der Dachmansarde tief zu atmen. Auf dem Rückweg zur Rolle klickte ich ein Video an und trat nun dicke Gänge den Ventoux hinauf. Die folgend in unnachgiebigen Attacken, den Rollen-Gegner zermürbend, wie du deine Konkurrenten. Jedes Mal, wenn du aus dem Sattel gingst, folgte ich dir im Wiegetritt. Zur flamme rouge konnte ich dir grade noch folgen, wollte ausrollen lassen. Aber deine Antritte waren meine und so punchten wir über den kahlen Riesen bis hin zur erlösenden weißen Linie auf schweißnassem schwarzem Teer. Reißverschluss schließen, aufrecht im Sattel sitzen und die Hände in schwindelerregend dünne Lüfte werfen.

Tyler Hamilton schrieb, dein Rennen sei immer großes Drama gewesen. Als Kind habe ich mit dir gefiebert, heute habe ich andere Ansichten über das Drama. Aber will kein Kolloquium auf die Kraft und schon gar keins über Jammer und Schauder halten. Und doch passt die Tragödie (gattungsbezeichnend) so gut. Gibt es keinen anderen Weg zur Katharsis als Tragödie? Ich meine dieses Ende von Niedergang, Tod und Katastrophe. Im Fahren des Piraten hat man all das in einem Augenblick sehen können. Vielleicht war es das, was Hamilton meinte. Marco, du hast uns das Leben auf dem Rad gezeigt. Wenn ich heute auf meinem Rad, oder der Rolle, sitze, denke ich so oft an die Allegorie des Radfahrens. Ich sollte einfach mal aus dem Sattel gehen und alles in den Berg investieren, der mir so viel geben könnte, wenn ich aufhörte immer an das zu denken, was er mir scheinbar nimmt. Dann sollte ich an dich denken, Marco, du sollst weiter bei und mit uns sein. Es ist so traurig, dass du tot bist. Ich kannte dich nicht, aber du fehlst mir. Obwohl ich mir sicher bin, würdest du noch leben, interessierte ich mich nicht mehr so viel für dich; als Teil meiner Kindheit. Aber heute habe ich andere Ansichten über das Drama. Drama ist immer Inszenierung.

In der Alpe d’Huez oder am Galibier werden Helden inszeniert. Der fünfte Akt endet schon im dritten auf dem Gipfel, weil alles steigende Handlung in Serpentinen ist. Mit jeder Kurve, jeder neuen Rampe, wird ein Held geboren, indem er stirbt. Und im Kampf mit sich selbst das Leben schwitzend weiterfährt. Die Katastrophe des fünften Aktes braucht es im lebendigen Sterbenleben nicht. Vom Gipfel abfahren wollen wir auch nur dann sehen, wenn ihr waghalsigen Irrsinn zeigt. Aber generell wollen wir den Radfahrer nicht auf seinem Weg in Niederungen sehen. So wenig, wie wir ihn in Arztpraxen, Hotelzimmern oder abgedunkelten Bussen sehen wollen. Ich bin kein Richter. Das kommt als Teil der Inszenierung nicht zu. Und ich will nicht über Doping sprechen, weil ich nichts von Edgar weiß, außer dass auch ich mir zuweilen von Jack und Johnny helfen lasse. Wenn wir über etwas sprechen können, Marco, dann über Zweifel, Angst, Alleinsein und Schmerz. Natürlich kann ich deine privaten Schmerzen nicht kennen, nicht nachvollziehen. Helfen kann ich dir (falls ich es jemals gekonnt hätte) sowieso nicht (mehr). Aber ich kann dir von mir erzählen und dir danken.

Wenn du gefahren bist, und ich mich daran erinnere, hilfst du mir. Im Spiegel sehe ich manchmal einen toten Mann; oder auf dem Weg in die Uni, den Supermarkt oder ins Bett spüre ich mehrere Jahre Tour, in denen ich mir verboten hatte, Rast zu machen und am Fuß des Lautaret einen Espresso mit Blick auf das Panorama des Martyriums zu nehmen. Es geht nicht um das Inszenieren des toten Mannes, sondern darum den toten Mann und das Maskenspiel als Teil von sich anzunehmen. Sich bewusst darüber zu sein, dass man selbst der ist, der lebt und stirbt und damit spielt. Der die Kontrolle darüber hat, zu entscheiden, wann angegriffen wird und wann der Sieg darin besteht, anhaltend innezuhalten. 

Faber vibriert durch mein Ohr:

Wenn du dann am Boden bist, weißt du wo du hingehörst. Alles Gute, wünsche ich dir mit dem Rücken zur Wand. Hältst du dir selber die Hand. Du gehst am liebsten mit dir aus, kennst dich am besten mit dir aus, wenn du dich dann nachts berührst und deine Nähe spürst. Denn du weißt, wie es dir gefällt, so wie du es dir machst, macht es dir niemand auf der ganzen Welt. Manche meinen das sei traurig, aber schau dich doch mal um und zeig mir einen, dem es besser geht als mir.

Du bist der, der darüber entscheidet, ob du dich von dir selbst so zurückziehst, dass du irgendwann mit dem toten Mann ganz alleine dastehst. Dich komplett verausgibst an den Aufstieg und dich ihm  in Hungerästen hingegeben hast, um dich dann in Watte benommen ohne eine Zeitung unter dem blutgeschwitzten Trikot in die Abfahrt zu legen. Keine Angst vor dem Sturz, weil dein Körper schon nach außen zeigt, was du in dir so lange versteckt und verborgen hast. Du kauerst dich auf dem Rad zusammen, dich vor dem Wind versteckend und der Geschwindigkeit hingegeben, um nicht mit dem toten Mann stehenbleiben zu müssen. So knallst du Meter um Meter fliegend in die Senke. Nimmst nicht wahr, was an dir vorbeizieht, weil du es ziehen lässt und der Fahrtwind die Wunden kühlt, während er der Flamme Nahrung gibt. Ist doch egal, wenn ich mich verbremse, versteuere, ausrutsche, gegen die Leitplanke und über sie hinweg schlage oder einfach den Lenker loslasse. Den Halt habe ich doch eh längst verloren. Wenn ich stürze, reibe ich mit dem Carbon zusammen über die Straße, bis von meinem Fleisch so viel aus den Poren aus Teer so viel abgerieben ist, dass ich mit bloßem Auge sehen kann, was mich im Inneren der Aufstieg gekostet hat. Carbon ist nach außen hin so lange intakt, stark und stabil. Es speichert die Schläge und verbirgt die Risse in sich, bis der eine, vielleicht kleine, Schlag kommt, der die Ruptur nach außen trägt. Es haucht leise stöhnend aber präzise reißend seine Geschichte aus und stellt sich dieser; anhalten, um sich selbst gesunden zu können.

Aber ich falle nicht und erreiche die Ebene, auf deren elend flacher Straße ich nun ewig im Wind stehe. Die Berge und Wolken halten Sonne außenvor klebrigen Nebeldunst nach unten drückend. Ich sehe die Berge. Will wieder zu ihnen zurück und habe Angst vor ihnen. Auf dieser flachen Straße im Wind muss ich lernen, die Beine hochzunehmen. Ich weiß nicht, wie das weitergehen wird. Aber Marco, ich sage dir Danke. Danke, dass du und dein Fahren, immer Ganzheit ward. So viel habe ich vom toten Mann erzählt, aber da war doch auch immer ganz viel Lebensfreude und Bejahung. Genau hier zu sein, in diesem Moment, an diesem Berg. Das Glück in dem, was man tut, man selbst sein zu können. Danke, dass ich mit dir jubeln und weinen durfte. An diesem Punkt, dieser Etappe, meiner Tour möchte ich dir für die Einsicht danken, dass man auch von Null über Meer (oder noch darunter) weiterfahren kann. Wie man sich selbst helfen kann, wenn man den Rücken zur Wand als freien Raum vor der Brust begreifen kann, um unablässig mit allem, was man (noch) hat immer wieder und weiter in diesen Raum vorstzustoßen. Ich habe gesagt, lernen zu müssen, die Beine hochzunehmen. Lernen sich zu pflegen und zu beschützen; auch einmal ein Hinterrad suchen und annehmen, anstatt sich permanent in den Wind zu setzen. Ich werde es versuchen. 

Danke, Marco, dass du mir gezeigt hast, dass auch in der größten Erschöpfung die Attacke die Verzweiflung nutzen kann. Dass man nie einen Rivalen attackiert, oder einen Berg bezwingt. Sondern dass man so ehrlich zu sich ist, sich die eigene Verzweiflung, Angst, den Schmerz und das Kaputtsein eingesteht, ohne daran zu zerbrechen. Anhalten heißt nicht aufgeben. Für sich fährt man. 

Danke, Pirat, dass du mir gezeigt hast, dass ich selbst wenn ich den Glauben verloren zu scheinen habe, immer noch etwas besitze, das mir nicht verloren geht. Du hast gesagt, man sei an einem Tag ein Gott und an einem anderen ein Nichts. Dem Nichts ist man so häufig nah. Nach dem Göttlichen fragen wir so häufig, ohne auf eine Antwort zu hoffen. Sind immer mittendrin, aber nie im Mittelmaß. Vielleicht retten wir uns mit dem Enterhaken an Land, wenn das Rad zu kentern droht. Den Versuch ist es wert. 

Danke, Marco, dass du mit jedem deiner Angriffe, jeder Attacke aus dem sterbenden Mann gezeigt hast, dass wir Menschen sind. Dass es Etappen gibt, auf denen wir voll Schmerz dem Nichts nahe sind und erkennen müssen, dass die Tour einmal zu Ende sein wird. Aber indem wir uns dazu bekennen und als uns selbst akzeptieren, können wir immer wieder den Ausreißversuch wagen. Allez! Attacke! Alle schmerzlich vital pulsierenden Kräfte bündeln und antreten immer mehr von uns zu sehen. Wie gesagt, einmal ist die Tour zu Ende. Aber heute, Pirat, nach dieser Etappe der Introspektion, kurbeln wir dem Zielstrich dankbar und in Freude entgegen. Reiß mit mir die Arme in die Luft. Wir brauchen keine Maglia Rosa und kein Maillot Jaune. Wir brauchen nur Gegenwart mit uns.

Ciao, Pirata. Grazie, Marco.