Hausnummer 20

                                                                                                                          Berlin, 1. August 2016

Als ich durch die Tür trat und mich Johann Goethe vom Schrank begrüßte, hatte es etwas von hier Mensch und hier zu sein. Verheißung. Und der Meister höchst selbst war auch vom Grünen Hügel auf den Prenzlauer Berg gekommen, Hallo zu sagen. Der Schreibtisch, das Zimmer der Breite nach durchmessend, lud mich sofort ein. Auf Nähmaschinen ruhend wird hier auch Handwerk betrieben. In Höhenlage fühlt man sich im dritten Stock unter drei Meter hoher Decke. Am Firmament der Stuck. Auf dem Boden der Tatsachen das knarzende Parkett. Den Zwischenraum füllend Weltliteratur von tausenden von Jahren. Zwei Monate bin ich gekommen zu bleiben. Dass es sieben Jahre werden könnten ist im Moment schwer vorstellbar. Was werden die zwei Monate mit mir machen; der ich mich dem sieben Jahre Gebliebenen im vergangenen Jahr manchmal unheilvoll ähnlich und verwandt fühlte?

Dies Wohnung ist aus der Zeit gefallen. Die Flügeltüren lassen mich glauben in einem Schloss zu sein. Und Kafka steht da auch noch. Ein Schloss an diesem Ort? In der Bar fragte ich mich eben, wie es hier wohl aussah, als Horch und Guck noch Nachbarn waren. In der Bar Gagarin, wo ich mich sofort wohlfühlte. Über Kosmonauten wird vielleicht noch zu reden sein, und was sie mit Auszeichnungen zur Erfüllung des Plans in Thüringen zu tun haben. Die Zeiten fallen hier zusammen. So lange, ich würde von Jahren sprechen, habe ich nicht an euch gedacht. Euch einige, die ihr nicht zwingend etwas miteinander zu tun habt, aber doch mit mir. Und irgendwie mit mir halt auch nicht (mehr). Heute vor drei Jahren in Zürich. Eine verpasste Festrede, aber über dem See gesehenes Feuerwerk. Wir wollten seyn ein einzig Volk von Brüdern, In keiner Noth uns trennen und Gefahr. Drei Monate später Unter den Linden. Die bin ich jetzt raufgegangen, bis sie Karl-Liebknecht-Straße und dann Prenzlauer Allee heißt. Vor sechs Jahren in Dublin angekommen. Eine Pint mit Jesus im Garten. 

Bestimmtes verschwindet irgendwann und irgendwie aus unserer Erinnerung. Und dann taucht es wieder auf. Und es vergeht aus der Erinnerung, dekonstruierend konstruierend, und steht in den Beständen unserer Erzählung als Teil der Polyphonie, ohne uns zu arg zu kratzen. 

Da seid ihr wieder. Die ihr eine Spur hinterließet. Manche dieser Spuren sind hell geworden auf der Haut, andere sehe ich noch deutlich. Manchen habe ich keine Beachtung mehr geschenkt. An andere einfach nicht mehr gedacht. Manche sind immer da, ohne es zu merken. Das ist gut. Wo seid ihr jetzt? Und warum ist der Kollwitzkiez der Ort, an dem ich an euch denke? Als Kinder lebten wir in der Kollwitzstraße. In einer kleinen Stadt. Hier haben vier Millionen ein zu Hause und in der Kollwitzstraße ist samstags Markt. In der Kollwitzstraße habe ich Fahrradfahren gelernt.

Was macht das, wenn die Zeiten ineinanderfallen? Ihr Erzähler aller Zeiten steht neben mir. Diese Zeit wird auch einmal im Regal stehen. Egal ob mit oder ohne Leserschaft. Doch was wird da erzählt? Es ist mal wieder so eine Sache mit der privaten Schicklichkeit. Und der Frage nach Schonung und aufrichtiger Ehrlichkeit. Wenn ich erzähle, dann doch auch immer das, was ich von euch gehört habe. Was wir zusammen für eine Geschichte erzählt haben. Was wir uns gegeben und genommen und gegenseitig geholfen haben, uns gebend zu nehmen. Verloren geht nichts und trotzdem überwindet nicht alles den Postsynaptischen Spalt. Auch wenn mancher Rezeptor heftig anschlägt. 

Berlin, ich möchte dir noch etwas sagen. Aus den Jahren heraus, in denen ich dich ab und an besuchte und du mich als Gast aufnahmst und wieder ausspucktest, mochte ich dich nie wirklich. Zu groß, hektisch, lärmend und voll von Touristen wie mir. Und auch noch Teil einer Erzählung geworden, deren Spur eine von denen ist, denen ich lieber keine große Beachtung mehr geschenkt habe. 

Berlin, als ich eben durch dich flanierte, spürte ich noch viel mehr. Die erste Seite der Erzählung in spätabendlicher Sonne. Wenn es dunkel wird, aber noch warm ist. Das Beste am Sommer, sagt der, der den Herbst sonst lieber hat. Vielleicht sehe ich dich noch, wie du im Farbenfächer nackt wirst. Nur Hemd und Jackett und ausgetretene Turnschuhe auf unbekannten schlecht gepflasterten Bürgersteigen. Ruhiger Kiez voll Sichtreibenlassenden. Möglichkeiten überall. Wieder sind es die Zeiten, die ineinander fallen. Vor drei Jahren die Welt als Möglichkeit. Ich griff aus, aus dem Gefühl noch eine geschlossene Tür sei nicht mehr tragisch. Und ging durch ein hölzernes Portal von Semper erdacht. Letztes Jahr, noch im Porto Seguro, das Verlangen die Ahnung eines Mikrokosmos unter Adleraugen zu erkunden. Es kam Post mit einem schwarzen Adler. Vor knapp vier Monaten verließ ich den Porto Seguro. (Ist nicht auch im Hafen schon die See?). Jetzt hier zu sein, bedeutet mir viel. Es tut mir gut.

Berlin. Lass uns nochmal einen Anfang machen. Ich hoffe ich werde mein Bestes dafür geben – uns aus dem Bewusstsein unserer Geschichte heraus offen entgegenzutreten. Auf der Gasse tanzt die Fiedel und ich über das Parkett zum Fenster zum Innenhof. Über den Schornsteinen des Hinterhauses zieht langsam der Mond auf und bringt einen kühlen Luftzug in die Abendstunde, die zur Nacht wird. Eine Loggia habe ich nicht. Aber an den Französischen Balkon zur Gasse hin gelehnt schmeckt die letzte Maria Mancini meines Geschmacks. Ein langer guter Tag.