Attacke und Müßiggang

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Drei Wochen des Sommers verbringe ich für gewöhnlich damit, den Strafgefangenen der Landstraße dabei zuzusehen, wie sie die große Schleife durch Frankreich fahren. Die Tour de France ist mein Ankerpunkt und Sehnsuchtsort des Julis. Normalerweise. In diesem Jahr wird mir klar, was die Tour bisher für mich war. Urlaub und Strukturierung der sonst grenzenlosen Zeit. Als Teenager oder Student konnte ich mich am Etappenplan orientieren. Seit einiger Zeit aber denke und schreibe ich als Teil einer Institution, deren Kernarbeitszeiten auch meine Anwesenheit am Schreibtisch vorgeben. Ich fühle mich dort total wohl – aber die Sehnsucht nach dem Epos an den steilen Flanken des Col du Galibier oder des Mont Ventoux wird immer bleiben.

Ein Kennzeichen meiner Sommer aber wird durch die neue Arbeit noch intensiviert: ich lese unfassbar viel. Dies hängt damit zusammen, dass ich mich einerseits in neue Kontexte einarbeite, andererseits aber auch mit der Doktorarbeit ernst mache. Dank letzterer kann ich mich viel an Orten und in Räumen aufhalten, die Inseln im Alltag gleichkommen. So verbringe ich auch einige Zeit mit Originalen wie Herrn Lehmann in Spelunken mit der Mauer im Rücken. Die Diss hat mich aber auch wieder mal zu Thomas Mann und mit seinem Helden Hans Canstorp auf den Zauberberg geführt. Dieser Roman wird mich wohl nie loslassen.

Der Zauberberg

Besonders seine Reflexionen über Raum und Zeit sind es, die mich magisch anziehen. Und sie fügen auch Mosaiksteinchen in meine Überlegungen zur Sehnsucht nach der Tour de France. Mann schreibt, dass es einen „Lebensbefehl“ und eine „Ferienlizenz“ gebe. Beide seien auf engste an die Zeit und den Raum gebunden, da der Lebensbefehl vom Menschen verlange, sich selbst und das Handeln zu strukturieren und so zu einem tätigen Gelingen des Lebens beizutragen. Um dies leben zu können, verfüge aber auch jeder über die Lizenz, die Forderungen der Zeit, die sich im Raum (man denke an das Büro) manifestieren, im wohligen Dämmer des Nichtstuns zu verträumen. Um nicht gefahrzulaufen, sich darin zu verlieren, empfiehlt der Erzähler sich in den Dingen zu ergehen, die Müßiggang mit Struktur kombinieren.

Für Thomas Mann ist dies die Musik. Hans Castorp gibt sich ihr hin und wirft tiefe Blicke in die mythische Welt (und deren Anziehungskräfte wie bedrohlich vorrausblickende Schatten) Richard Wagners. Meine Kombination aus Muße und Struktur war stets meine Leidenschaft für das größte Radrennen der Welt. Ab Übertragungsbeginn des Fernsehens bis zum Zielstrich war ich dabei. Voller Elan und doch manchmal schlummernd, wenn das Peloton die Beine hochnahm. Verpflegung zwischendurch mit Espresso und Eis. Der erhöhte Puls, wenn sich die Favoriten am Berg attackieren. Die Ekstase, wenn mein Favorit ausbricht und durch die Massen am Straßenrand davonfliegt.

Allez!

All dies erfahre ich jetzt anders. Aber nicht besser oder schlechter. Es hat eine neue Qualität erschöpft aber zufrieden nach Hause zu kommen und mich mit einem Espresso voll und ganz dem Etappen-Finale hinzugeben. Und ich kann mich den Fahrern nahe und verwandt fühlen, wenn ich meine Arbeitstage wie ein Radrennen organisiere. Im Team alles auf das große Ziel fokussiert geben. Sich gegenseitig vor dem Wind beschützen und dann voll rausknallen, wenn die Lücke aufgeht. Voll aufs Pedal drücken und am Anschlag fahren. Das kann nur, wer auch zur richtigen Zeit einen Kaffee trinkt und einen Schwatz auf der Dachterrasse hält. Vive le Tour!