In Heterotopia

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Liebe Leute,

Vielleicht habt ihr euch in der letzten Zeit gefragt, wo eigentlich Hidden-Sea abgeblieben ist. Um es kurz und verwirrend zu sagen: in Heterotopia. Worum es sich dabei handelt? Das wurde ich relativ häufig gefragt, wenn ich jemandem erzählt habe, worüber ich meine Masterarbeit schreibe. Wenn ihr Lust habt, nehme ich euch mit auf eine Reise zu Inseln im Alltag, realexistierenden Utopien und in ein Land, das es nicht mehr gibt.

Robinson „Kruso“

Im Grunde genommen habe ich das gesamte Masterstudium (für das ich mir ein wenig mehr Zeit genommen habe) mit dem Themengebiet der Thesis verbracht. Sieben Semester habe ich mich intensiv mit der Post-DDR-Literatur und Kultur- und Literaturtheorie beschäftigt. Die Post-DDR-Literatur ist ein eher umstrittener Gegenstand. Für mich ist die Charakterisierung von Norbert Eke die beste. Der in Paderborn lehrende Germanist definiert dabei, dass es sich um Texte handelt, die nach 1989 entstanden sind und einen ästhetischen Bezug zur DDR haben. Ein Paradebeispiel hierfür stellt der Roman „Kruso“ von Lutz Seiler dar. Schon in meinem ersten MA-Semester habe ich ihn gelesen und war begeistert. Er beschreibt den letzten Sommer der DDR auf der Insel Hiddensee. In dieses Intellektuellenparadies hat sich der 24-Jährige Ed zurückgezogen und findet in Kruso einen Freund, der ihm „Die Wurzel der Freiheit“ zeigt. Auf der Insel und im Betriebsferienheim „Klausner“, wo Ed und Kruso als Abwäscher arbeiten, können sie scheinbar frei von den Zwängen des Überwachungsstaates DDR leben. Sie schaffen sich selbst einen Raum der Autonomie. „Wer hier war, hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu überschreiten“, imaginiert der durch Ed fokalisierende Erzähler.

Entmythisierung der Diktatur des Proletariats

Der zweite Roman, den ich auf seine heterotopen Räume hin untersucht habe, ist „Stille Zeile Sechs“ von Monika Maron. Dieser ist in der Mitte der 80er Jahre in Ost-Berlin angesiedelt und wird von der Ich-Erzählerin Rosalind Polkowski, einer freiwillig arbeitslosen Historikerin, erzählt. Rosa hat den alten Eliten der DDR den Kampf angesagt. Als persönliches Feindbild bekämpft sie den emeritierten Professor Herbert Beerenbaum, dem sie hilft, die Memoiren niederzuschreiben. In ihm sieht Rosa die Personifikation der selbsternannten antifaschistischen Widerstandskämpfer, die mit ihrer sozialistischen Ideologie den jüngeren Generationen das Recht auf Autonomie genommen hätten. Ihre Heterotopie dagegen ist die Kneipe. Der Gegenort, an dem das System keinen Einfluss hat. Rosalind radikalisiert sich hier, als sie erfährt, dass Beerenbaum ihren Freund Baron ins Gefängnis gebracht hat. Sie beschließt den Frontalangriff und konfrontiert den alten Mann mit seiner Schuld. Dabei greift sie ihn in seiner Identität an, indem sie den Sozialismus in Verbindung zum Nationalsozialismus stellt. Beerenbaum erleidet einen Herzinfarkt und stirbt wenig später.

Foucault und die Heterotopien

Was ich nun gemacht habe ist, dass ich besonders die Räume Insel, Klausner und Kneipe als Heterotopien untersucht habe. „Heterotopie“ nannte der französische Philosoph Michel Foucault in seinem Frühwerk Räume, die Gegenorte zur realexistierenden gesellschaftlichen Normen darstellen. Als Beispiel nennt er z.B. die Bibliothek. Diese sei nicht nur ein Ort, an dem Bücher gesammelt würden. Sie entspringe dem menschlichen Wunsch nach Selbstvergewisserung, indem sie „gesammelte Zeit“ sei. Zeit ist überhaupt der wesentliche Faktor, wie Foucault in seinem Vortrag „Von Anderen Räumen“ erklärt: „Eine Heterotopie beginnt erst dann voll zu funktionieren, wenn die Menschen einen absoluten Bruch mit der traditionellen Zeit vollzogen haben“. 

In der Arbeit habe ich untersucht, wie diese Räume in der Post-DDR-Literatur imaginiert werden. Meiner Meinung nach werden hier Heterotopien modelliert, die dem Vorbild Foucaults ähneln, aber in einigen wichtigen Punkten unterscheiden. Zentral ist hierbei vor allem das Verständnis von Zeit und Gewalt. Deshalb benenne ich diese besonderen Heterotopien als „Zweite Ordnung“.

Dankbarkeit

Diese vier Monate des Arbeitens waren bestimmt nicht immer leicht. Das Wort eines meiner liebsten Professoren „Wir sind der organisierte Zweifel“ schwirrte mir manches Mal durch den Kopf. Das ist nicht immer leicht auszuhalten, aber meiner Meinung nach liegt genau darin eine große Leistung. Die meiste Zeit habe ich das Schreiben aber wirklich genossen. Das ist genau das, was ich immer aus meinem Leben machen wollte. Meine ganze Leidenschaft ist die Literatur und die Wissenschaft von dieser. Dem habe ich mich mit Haut und Haar verschrieben. 

Noch vor etwas mehr als einem Jahr hatte ich große Angst, genau das durch die Depression verlieren zu können. Es macht mich demütig, an diese Zeit zu denken. Aber auch unfassbar stolz darauf, dass ich mich den Dämonen nicht ergeben habe. Dass ich diesen Kampf als Teil von mir selbst angenommen und akzeptiert habe. Das hätte ich alleine aber genauso wenig geschafft, wie diese Arbeit zu Ende zu bringen. Deshalb möchte ich mich besonders bei den Menschen bedanken, die auch in den dunklen Stunden bei mir geblieben sind und die das unfassbar große Glück meines Lebens sind. Und besonders bedanken möchte ich bei dir, die du am Ende der Dunkelheit meine Hand genommen hast und mir jeden Tag zeigst, wie schön das Leben ist, wenn man liebt.