Spiel des Lebens

Seit den neongelben Jahren meiner Kindheit existiere ich nicht ohne den Fußball. Den Ball am Fuß aber gab ich mit der Volljährigkeit auf. Die Trainerkarriere trotz Lizenz des DFB auch. Fußballer berichten nach großen Abenden und Titelgewinnen immer davon, dass dies das Spiel ihres Lebens war. Mein Spiel des Lebens fand abseits der Öffentlichkeit in einem kleinen Raum voll großer stiller Helden statt.

Eines Nachmittags, kurz nachdem mein BVB die Alte Dame besiegt hatte, fand ich mich auf dem Fußballplatz wieder, auf dem ich in den folgenden Jahren die kleinen und großen Schlachten, Nachmittage und Sonntagmorgen des Jugendspielers erleben sollte. Mein Vater hatte mich zum Training ins Auto gepackt. Die kurzgemähte Bühne des Theaters des kleinen Mannes betrat ich in Turnschuhen, die bei jedem Schritt in der Ferse blinkten. Der Respekt war groß, spielte ich doch mit Jungs, die mir etwas voraus hatten: Sie waren Schulkinder. Als der Ball vom Trainer in den Pulk geworfen wurde, war diese Hürde egal. Alle jagten ihm nach. Und als ich nach dem letzten Pfiff glücklich schweißnass zu meinem Papa lief, hatte er sie in der Hand: Meine ersten Fußballschuhe. 

Aus den Trainings wurde etwas Verbindliches: Pflichtspiele. Sebastian Deisler schrieb, dass er den Fußball, den er liebte als Jugendlicher verloren hatte und nach Therapie und Karriereende in Thailand unter Kindern wiederfand. Den einen Tag gab es nicht, an dem ich diesen Fußball verlor. Aber die Pflichtspiele wurden bald zum Standhalten gegen den Sturm. Wenn die anderen bessere Fußballer sind, müssen wir eben mehr laufen. Gewinnen ist nicht das wichtigste; wir wehren uns gegen die Niederlage, mit allem was wir haben. Jeden verschissenen Samstag von April bis Oktober. Aus den blinkenden Turnschuhen wurden sechs eiserne Schraubstollen, die sich in jeden Acker zwischen Warburg und Neuenheerse bohrten und wenn es sein musste, auch in die Schienbeine der Stürmer. Als Innenverteidiger gibt es keine Kompromisse. Erst recht nicht, wenn du nicht zweistellig verlieren willst, einen Kopf größer als alle anderen bist und als uncooles Kind auf dem Schulhof auf dem Platz wenigstens ein Arschloch sein willst.

Dazwischen gab es aber auch die anderen Spiele. Das, als wir an einem Sonntagmorgen den Papst in der Tasche hatten, ohne bei der Messe gewesen zu sein. 3:2 für uns. Und erst recht das am Donnerstagabend unter Flutlicht. 3:2 für die anderen. Aber egal. Die mussten ja aufsteigen. So ist das halt, wenn du gegen das Starensemble antrittst, das das gleich Wappen wie du auf der Brust trägt, aber in einer ganz anderen Dimension spielt. Dafür waren wir elf Jungs, die eigentlich wirklich Freunde waren und abends beim Trainer bei (Cola-) Bier und Karten zusammensaßen. Ob es Spaß gemacht, hat weiß ich nicht. Aber jeder verschissene Samstag hat sich richtig angefühlt. Sieg oder Niederlage oder Unentschieden. Ein paar Punkte in einer schnell vergessenen Tabelle. Aber die 70, 80 oder dann gar 90 Minuten waren alles andere als egal. Es war kein Spiel. Was ich manchmal sehr vermisste. Aber es hat mir mehr über mich selbst beigebracht, als ich damals dachte. Und ich habe mit den besten Jungs gespielt, die es zwischen Himmel und Hölle und auf ostwestfälischen Äckern gibt.

Mein Spiel des Lebens aber habe ich ganz woanders bekommen. In einem kleinen Therapieraum, der eine Sporthalle sein sollte. Ein Betonpfeiler in der Mitte des Raums, kurzgeschnittener PVC-Teppich und Hockeytore, auf die mit einem Schaumstoffball geschossen wird. Meine Mannschaft besteht aus der Bewegungstherapeutin und zwei Mitpatienten. Team Depressiv samt Coach. Unser Gegner heißt Team Tinnitus. Wieder einmal bestätigt sich, dass diese kleine Turnhalle mein Horror ist. Erst Joga und andere Quälerei, in der neben der wunden Seele auch noch jede Muskelzelle ein Feuerwerk der Unruhe zwischen den Synapsen abfeuert. Jetzt auch noch Fußball. Wozu? Wettkampf muss hier echt nicht sein. Den gibts schon oft genug. Entweder wer kranker oder eigentlich richtig gesund und glücklich ist. Der Schaumstoffball rollt. Und es fühlt sich echt an. Durch die Mauern dieses Hauses dringt die Welt sonst nicht hindurch. Jetzt kommt ein Stück gesundes Leben in unsere Mitte. Wie auf jedem anderen Platz, tasten wir uns ab. Unsicherheit. Schaffe ich das? Mit dem Ball laufen und mich auch noch auf meine Mitspieler konzentrieren? Mich auf sie einlassen. Die Bewegungen sind staksig und unbeholfen. Wir dringen in breiter Formation über die Mittellinie. Ausbruch auf den Flügel. Der Ball kommt. Bis zur Grundlinie durchgehen. Stoppen. Nach innen ziehen am Gegenspieler vorbei. Voller Fokus auf die Flanke. Sie kommt halbhoch. Mach ihn, Junge mach ihn! Und wie er ihn macht. In Formvollendung als direkt draufgehämmerter Volley klatscht der Ball in die Maschen. 

Verflogen aller Zweifel, alle Angst, alle Lethargie. Es geht wild hin und her. Rauf und runter. Zuletzt so geschwitzt habe ich in der Sauna. Das Spiel, das ich als Kind geliebt habe. Das Spiel, das irgendwann zum standhaltenden Kampf der Durchhalteparolen geworden war. Einfach nur das Spiel mit dem Ball. Wie filigran dieser Körper sein kann. Übersteiger und die Pirouette des Zidane. Aber viel wichtiger: wir sind ein Team. Alle, die da auf dem Platz stehen. Das Ergebnis interessiert nicht. Zumindest Team Depri hat es aufgrund von krankheitsbedingten Merkschwierigkeiten eh vergessen. Nach dem Schlusspfiff klatschen wir alle ab. Einem jeden ward frei geworden in der Brust. Profis sprechen nach großen Spielen häufig davon, dass es das Spiel und der beste Abend ihres Lebens gewesen sei, während sie voll Zärtlichkeit einen Pokal streicheln und küssen. An diesem Donnerstag Vormittag habe ich etwas gefunden, von dem ich dachte, dass es nie wiederkäme, falls es überhaupt existierte. Hätte man mir ein Mikrofon hingehalten, hätte ich gesagt, dass es wahr ist, dass der Mensch nur da frei ist, wo er spielt. Unser Pokal war es, das miteinander erlebt zu haben. Ein Interview folgte direkt im Anschluss an das Spiel meines Lebens aber doch noch. Zu Beginn jeder Gruppensitzung wird man dazu befragt, wie es einem geht und man sich fühlt. An diesem Tag sagte ich seit langem „Es geht mir gut“.