Auf dem Weg zum Eigenen

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Im Studium habe ich angefangen, jedes gelesene Buch in einem Notizheft zu vermerken. Auf dem Weg zum Literaturwissenschaftler kommt da naturgemäß einiges zusammen. Mancher Titel war sperrig und auch langweilig, viele aber auch wirklich gut. Und dann gibt es ganz selten das eine Buch, welches das Leben wirklich bereichert. In den letzten Wochen hatte ich das große Glück, wieder einmal ein solches zu lesen. „Kunst des Handelns“ von Michel de Certeau hat mich heraus- und teilweise überfordert, fasziniert und für mein Leben als Wissenschaftler und Mensch bereichert. Kommt mit in die atemberaubende Welt eines großartigen Geistes.

Ein Universalgelehrter

In den Kulturwissenschaften gibt es Denker*innen, die quer durch die Disziplinen hohes Ansehen bis hin zu Verehrung genießen. Dazu gehören große Denker*innen wie Michel Foucault, Hannah Arendt oder Pierre Bourdieu. Ihre Arbeiten sind Meilensteine und sie selbst werden zumindest in Seminarräumen und Studierzimmern wie Popstars gefeiert (zurecht). Michel de Certeaus Werk steht dem meiner Meinung nach in nichts nach. Rezipiert wird er aber bisher leider (zumindest in der Literaturwissenschaft) nur wenig. Dabei speisen sich seine Theorien aus allen erdenklichen Quellen. Er war Jesuit, Historiker, Soziologe, Philosoph, Literaturwissenschaftler, Psychologe und noch vieles mehr. Verstand all dies miteinander in Kontakt zu bringen und in messerscharfe Texte zu gießen, die ein methodologisches Handwerkszeug sind, das in seiner Genauigkeit und Vielseitigkeit unschlagbar ist.

Vom Ort in den Raum

In seinem Denken sind die Praktiken des menschlichen Lebens zentral. Er sieht darin die Autonomie und die Möglichkeit eines jeden begründet, gegen noch so große Mächte anzugehen. Spazierengehen. Ein banaler Zeitvertreib? Nicht für de Certeau. Er sieht in der Bewegung durch den Raum die Aneignung und Gestaltung dessen durch das Individuum. Wir alle hätten die Möglichkeit aus Orten heraus, die uns ermöglichen, eigen zu sein, gegen Systeme anzugehen, die uns unmündig machen. Er selbst beschreibt dies auf über 300 Seiten minutiös. Das strengt an. Aber lohnt sich so sehr. Sein Schreiben ist getragen von einer essentiellen Sprache, die nüchtern präzise und zärtlich melancholisch zugleich ist. Wenn ein Buch auf meiner Liste eines ist, das mir so viel gibt, dann bleibt mir eigentlich immer ein Satz im Ohr. „Das ‚Eigene‘ ist ein Sieg des Ortes über die Zeit“, ist der eine Satz, der aus „Kunst des Handelns“ in mir verhaftet bleiben wird.

 

Michel de Certeau: Kunst des Handelns. Erschienen 1988 bei Merve in Berlin. 384 Seiten. 22 €.*

 

*Für diese Rezension habe ich vom Verlag kein Honorar oder anderweitige Entschädigung erhalten. Das Buch habe ich selbst gekauft.

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