Der Wald, das Land und seine Menschen

Wenn man vom Land kommt denkt man, dass man eigentlich jeden Menschen im Umkreis kennt, der ähnlichen Passionen wie man selbst nachgeht. So dachte ich immer, alle bekannten Journalist*innen, Schriftsteller*innen oder Literaturwissenschaftler*innen zu kennen, die zwischen Diemel und Twiste ihre Heimat haben. Weit gefehlt! Dank eines netten Hinweises wurde ich auf den wunderbaren Roman „Heimkehr“ des in Volkmarsen geborenen Wolfgang Büscher aufmerksam. Der Roman erzählt in von tiefer Klarheit geschliffenen Sätzen von einer Spurensuche im Selbst, der großen Geschichte eines kleinen Landes und seiner Menschen.

Naht euch wieder, schwankende Gestalten

Der Beginn des Romans macht gleich eins deutlich: Hier werden viele Ebenen verwoben, die sich wie Erdschichten im Wald historisch gebildet und überlagert haben. Als Literaturenthusiast komme ich ebenso auf meine Kosten, wie jede*r, die oder der einfach nur eine gute Geschichte über den Wald und das Landleben lesen möchte. So wird mir der Erzähler dadurch sympathisch, dass er sich als ein Robinson beschreibt, der als Kind den Wald als seine Insel in Beschlag nahm und prägte. Dem muss er sichr zart und behutsam wieder annähern. Ein Erzählauftakt irgendwo zwischen „Robinson Crusoe“, „Walden“ von Thoreau und Goethes „Faust I“. Diese ganzen Verweise muss man aber nicht entschlüsseln, um diesen Roman genießen zu können. Das ist eine seiner Stärken. Er erzählt in schlichter Form davon, dass der Erzähler nach Hause gekommen ist, um ein Jahr in einer Waldhütte zu verbringen und darüber zu schreiben. Diese Geschichte allein als Erzählstrang kann aktueller nicht sein. Das vielzitierte Waldsterben wird empathisch beschrieben ohne den moralisierenden Zeigefinger zu heben. Vielmehr wird der Wald als Organismus begreiflich, der wie ein guter Freund ist, den Menschen wie der großartig entworfene Förster oder Erbprinz innovativ lebendig erhalten wollen.

Große Geschichte eines kleinen Landes

Der Roman spielt in einem kleinen alten Fürstentum, dessen Name nie genannt wird. Das braucht es im Grunde auch nicht, weil die Tiefenschichten der Erzählung übergreifende Gültigkeit haben. Und doch erscheinen die Menschen dieses speziellen Landstrichs nur deshalb als die, die sie sind, weil sie auf diesem Flecken Erde leben. Das Fürstentum Waldeck Pyrmont mit seiner Residenzstadt (Bad) Arolsen ist dieser besondere Ort. Es erhielt sich bis in die Weimarer Republik hinein viel Eigenständigkeit. Die Fürsten leben noch heute im Schloss und mit und von dem Wald, in dem der Erzähler residiert. Mir als vor ein paar Jahren aus Ostwestfalen Zugezogenem begegnete einiges Bekanntes im Roman. Das Singen der Waldecker Hymne ebenso wie der Stolz, mit dem noch heute das Wappen des Fürstentums gezeigt und getragen wird. Büscher schafft das Kunststück bei seiner Schilderung dessen nie in billigen Lokalpatriotismus einerseits oder moralische Verurteilungen des Großstädters andererseits zu verfallen. Vielmehr setzt er den Menschen dieses Landes ein Denkmal. Und dafür bin ich ihm dankbar.

Knorrig wie der Wald

Dankbar deshalb, weil er in Figuren wie der Mutter und den Großeltern Menschen verewigt, die wir alle kennen, die auf dem Land leben. Menschen, deren Leben aus viel harter Arbeit und Entbehrung und häufig auch Armut und Hunger bestand, die sich aber nie darüber beschwert haben. Menschen, die schlicht aber nicht einfach waren, weil ihr Reichtum in ihrem Charakter und den Gefühlen, die sie nicht zeigten, bestand. Diese Menschen sind so knorrig, wie der Wald mit dem sie lebten. Büscher hat diese Menschen ohne Verklärung beschrieben und zu Wort kommen lassen. Und dabei einen Roman vorgelegt, der im Rhythmus des Waldes und den Schichtungen der Sedimente der Zeit bei sich selbst sein können atmet.

 

Wolfgang Büscher: Heimkehr. 204 Seiten. Erschienen 2020 bei Rowohlt in Berlin. 22 €.*

 

 

*Werbung da Marknennung. Ich habe den Roman selbst erworben.

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