Prolog

  • von
Hidden Sea

Sich selbst in 100 Zeichen zu beschreiben ist eine große Herausforderung. Der ich mich an dieser Stelle nicht stellen möchte. Der ich mich eigentlich nie stelle. Das Feld „über mich“ bleibt in den sozialen Netzwerken stets leer, in denen man sich zeigt. Ohne uns in 100 Zeichen zu fassen, stellen wir uns in Bildern, Likes, Kommentaren, geteilten Beiträgen dar. Wir zeigen uns beim Essen, im Bus, teilen unsere getrackten Fitnessdaten, welches Lied wir gerade hören und welches Weltkulturerbe wir gerade wie ein moderner Winckelmann das Smartphone in der Hand besucht haben. Ich war dort und ich bin hier. 

Was ich hier teilen und zeigen werde, kann ich noch nicht sagen. Es wird sich zeigen, welchen Weg das nimmt. Die Versuchung ist groß nun den Grafen von M. zu zitieren. Oder die zu zitieren, die ihn  zitiert haben. Ich zitiere gerne; auch implizit. So vieles drängt sich an und will beschrieben sein. Will Ausdruck und Form gewinnen. Da drüben, auf dem untersten Brett, steht ein Notizbuch, das mir Auskunft gibt, wen und was ich gelesen habe. Aus dieser „Liste“ flüstert ständig etwas oder jemand zu mir, einen Eindruck oder Gefühl oder Anblick oder Geruch oder Geschmack oder beschreibend. Hier werde ich mich vermutlich einmal von den Fußnoten losmachen; und vielleicht freut es den einen oder das andere nicht kleingedruckt untenan zu stehen. 

Wandert der Blick weiter am Regal herauf, erblicke ich Methodik und sprachliche Präzision. Ich sehe geschriebene Sprache, die ich höre, wie sie flüstert. Sprache, die auch Gewalt sein kann. Die alles und so vieles und so vieles nicht sein kann. Und ich frage mich, was ich hier mit dem Flüstern und der Sprache machen werde. Auch ich befinde mich im Dschungel des Unsagbaren und sage doch etwas. Ist es auch für mich das Bedürfnis nach Kommunikation, um zu sehen, dass ich nicht alleine bin im Dschungel? Einmal muss es doch gesagt werden. Einmal muss ich doch hinaustreten und das Notizbuch offenbaren, mit all seinen Schwächen, soweit es die private Schicklichkeit erlaubt. Es nicht zuklappen und zu den schon gefüllten stellen; es zu später Stunde einmal wieder hervorholend, wenn es nach dem Wiederhören verlangt.

Aber kein zu langer Monolog an dieser Stelle. Wie der Tag im Erwachen liegt treten anmutige Gegenden näher. Mit der Kommunikation ist es mir ernst. Hier steht nicht nur einer und erzählt; wie er gehört werden möchte, möchte auch er hören. Sagt etwas. Zu den hier auftretenden Texten, deren Themen und Motiven und ganz davon losgelöst. Sagt, was es euch gerade flüstert. Der eine, der hier hervorgetreten ist den Anfang machend, möchte euch hören. (Be-) Trifft es ihn (persönlich) hat er immer noch die Möglichkeit des Zurücktretens. Dann erzählt er sich vielleicht von der Ungleichheit von Autor und Erzähler und doziert im Stillen über Autofiktion. Und an den Leser hat er doch auch gesprochen.