Himmel

Prenzlauer Berg, 22. August 2016

In dieser Stadt verdichtet sich so vieles auf unendlich weit gedehntem, hermetisch konzentriertem Raum. Fotos mache ich nur wenige; mit der Ungleichheit des Gleichen habe ich in letzter Zeit zu viel Zeit verbracht. Heut am Morgen einen anderen Weg nehmend, saß er plötzlich da. Milde lächelnd und doch verriet das Auge, mit etwas ringend. Warum guckt er zur Friedrichstraße? Viel Zeit war nicht, denn der Schreibtisch rief. Bert, wir werden noch Zeit haben. Schon gestern am Abend wühlten sie mich auf, wie ich sie auf dem Pult liegen oder im Magazin stehen wusste. Und erst das, was ich aus dem Netz zu fischen suchte und schon an Land gezogen hatte. Hassrede im Internet. Ja was tun EU und Bundesregierung dagegen? Was es auch ist, habe ich in schlichte Sprache zu bannen. In all seiner Bandbreite an Extremen darzustellen, ohne es gegeneinander in Konfrontation gehen zu lassen. Ohne es in Theorie zu spiegeln. Und kann es nicht lassen Foucault aus der Magazinverbannung zu befreien; wenn sie doch alle Diskurs sagen und Gegendiskurs fordern. Da liegt er dann auf dem Schreibtisch und wird ganz am Ende einen Passus finden, der in scharfer Sprache bündelt, was da passiert. – 

Ambivalent. (Scheinbar) Können wir heute alle ein Citoyen durch Sagen und Schreiben, Rede, die der Gegenrede bedarf werden (?). Und doch tut mir dieses Schreiben gut. Dieses Darstellen ohne Argumentation. Diese Form des Schreibens hat mich, wie gesagt, in letzter Zeit viel beschäftigt. Mehrere Monate eine Arbeit, von der ich nicht über oder an, sondern nur mit sagen kann. „Darüber muss ich lange nachdenken“, hörte ich mich sagen, auf den erlösenden Satz wartend, den ich mir in Hybris immer sage. „Jetzt bin ich dir auf die Schliche gekommen“, male ich eine Skizze aus Pfeilen in das Notizbuch und habe den Kern des Ganzen und seine Mechanismen, Interdependenzen, sein Innenleben und seine Architektur freigelegt. Um dann mit dem Kämpfen gleich weiterzumachen und für das Freigelegte Sprache zu suchen. Sprache, von der ich dann oft glaube, sie nicht finden zu können. In diesem Teil von Berlin, den ich nur dank einer blauen Karte betreten kann, gibt es dieses Kämpfen nicht. Da ist Sprache kurz, präzise und führt zu Reduktion auf essentielle Information. 

Morgens grüßte Bert durch Zufall. Abends bin ich manchmal zu faul einen Schritt zu viel zu gehen. Dann mich fährt erst der Bus und dann die S-Bahn und dann das Tram immer weiter nach Osten. Auf der Straße künden Plakate Berlin brauche Blau. Andere wollen Zähne ziehen, personifizieren sich als Berlin oder wollen halt den jeweils anderen verhindern. Wenn mich der Bus fährt, fährt er mich immer auch an einem grauen großen Bau vorbei. Dessen Name war für mich immer ein Synonym und so irgendwie irreal. Die Bilder waren immer schwarz-weiß und der Ton knisterte. Aber diese eine Frage, die hier gestellt wurde, verstand man immer ganz deutlich und den an sie anschließenden Jubel. Da drüben guckt Brecht über die Spree. Grün leuchtet es und der Bus fährt an. Was ich gerade denke, schwer zu sagen. Vom Fühlen nicht zu sprechen. 

Am Alex angekommen frage ich mich, warum ich die U-Bahn meide. Unbehagen. Aber damit nehme ich mir das Beste am Alex: wenn du aus dem Tunnel aufsteigst und dieser Himmel noch höher als sonst über dir steht. Dieser Himmel, über den M.F., der Partner, schrieb, er ermögliche das Denken wie nirgends sonst auf der Welt. Unter diesem Himmel sehe, denke, fühle ich anders. Diese Metropole kann ganz ruhig werden, wenn man diesen Himmel betrachtet. Unwirklich genau scheint er zu sein. Als ersetze er das Glas meiner Brille und die Hornhautkrümmung dazu. Und ich gehe meine Wege durch diese Stadt mit offenen Augen, diesen Himmel sehend diese Stadt atmend. Und lasse sie tief hinein. Und dann gehst du unter diesem Himmel deiner Wege und siehst ganz plötzlich  einen Ich-Entwurf, der ein Bildnis war und dich doch mit etwas in dir konfrontiert, das dich nur unter diesem Himmel so klar und präzise treffen kann. 

Auf meinem Prenzlauer Zauberberg ist es am klarsten. Hier zeigt sich mir das, das erst durch sein Vergehen zum Leben geworden ist. In Tagen, Monaten und Jahren war dieses Leben Gegenwart. An die gerissene Leerstelle trat alsbald etwas Neues. Wenn ich es nun aus der Ferne sehe, unter diesem Himmel, ist es ganz nah. Es ist erst zum Leben geworden, weil ich hier sehe, dass die Vergänglichkeit dazugehört. Vor dem Wort Tod, oder Sterben, drücke ich mich herum, weil ich darüber zu sprechen keine andere Berechtigung habe als die, dass ich nun die vergangenen Teile meines Lebens anerkennen kann. Diese Teile sind jetzt Leben, weil sie vergangen sind. In diesem Licht ist es kein Makel mehr. Kein Versagen. Keine Schuld. Und es tut noch einmal weh, das alles im klaren Licht unter diesem Himmel zu sehen. Als flimmere die Luft nicht mehr von einem Schleier, den ich selbst gewebt hatte. Auch wenn es keine Schuld mehr gibt, drängt es noch einmal um Verzeihung zu bitten. Für die Leerstellen, die ich in euch hinterließ. Die euch zugefügt habe. Wie ich die Ruhe dieser Wohnung genieße, so rückt sie mir auch manchmal meereskalt in die Knochen. Die Leerstellen drücken zwischen den Lungen Salzwasser ins Auge, ohne fließen zu dürfen. Dann treibt es mich zum Küchenfenster mit dem Aschenbecher auf dem Fensterbrett. Ein Glas von dem für mich unfassbar weichen Wasser. Hin zum Schreibtisch hinter dessen Fenster die Wörtherstraße lebt. 

Was ich noch nicht beschrieben habe: all das Wunderbare der letzten Tage. Zwischen Luise 17, Bibliothek, Reichstag, Friedrichstraße, Prenzlauer, Rykestraße. Jetzt ist der Zeitpunkt die Leerstellen in klarem Licht zu sehen. Es sind gar keine Leerstellen. Und sind es doch. Und wie oft ich dieses Wort auf kleinem Raum fallen lasse. In ausgedrucktem Zustand, mit Korrekturrand, würde es jedes Mal eingekreist und dann substituiert werden. Vielleicht sehe ich, dass mir da etwas fehlt, aber es ist keine Leere. Und gestatte es mir einmal zuzulassen, dass es mich schmerzt. Jetzt ist nicht der Augenblick runter auf die Straße zu gehen und in ein Café, den Thälmannpark oder eine Bar zu gehen. Der Himmel fällt durchs Fenster. Es zulassen. In dieser Stadt sehe ich mich in meiner Geschichte als historisches Wesen, ohne die Historie zu inszenieren oder zu schreiben. Und die schmerzenden Bezirke zuzulassen, hat nichts mit Selbstmitleid zu tun. Dieser klare Himmel und die Stadt, die er beherbergt, geben mir die Möglichkeit, das alles von mir zu sehen. Wovor ich Angst habe: loslassen müssen ohne zu vergessen. Etwas zu sehen, das mir an mir missfällt oder erschreckt fürchte ich nicht. Lethes Wasser suche ich in der Spree nicht.