Unter dem Triumphbogen

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Was uns da in der dritten Woche der diesjährigen Tour de France geboten wurde, war der Wahnsinn. Nach einem stetigen Favoritensterben waren es zum Schluss nur noch zwei Männer, die eine Entscheidung am Berg finden würden. Primoz Roglic fast eine Minute vor Tadej Pogacar. Das Finale: Ein 36 Kilometer langes Zeitfahren, das mit dem berüchtigten Aufstieg zur Planche des belles Filles endet.

Every day life im Peloton

Über drei Wochen schleichen sich im Peloton wie bei Zuschauern gewisse Routinen ein. So war es erneut Marc Hirschi, der immer wieder das Heil in der Flucht suchte. Selbst ein schwerer Sturz in einer Abfahrt hielt den Eidgenossen nicht auf. Zur Belohnung gab es in Paris die rote Startnummer des angriffslustigsten Fahrers der gesamten Tour – Prix de la combativité du Tour de France. Chapeau! Meine Routine bestand in dieser Woche darin, die kompletten Übertragungen im TV anzusehen. Ist verrückt ich weiß. Noch verrückter ist, dafür Urlaub zu nehmen. Aber ich habe das schon als Schüler geliebt, ab mittags dem Peloton zuzusehen. Seinen Rhythmus anzunehmen. An dieser Stelle ein großes Lob an die Teams von ARD und ONE. Eure Berichterstattung war interessant, ausgewogen und bei aller Begeisterung kritisch reflektiert. Besonderes Highlight dieser Woche war natürlich der Etappensieg von Lennard Kämna. Dass ein Deutscher in den Bergen gewinnt ist selten. Umso schöner diese grandiose Leistung. Das von Fabian Wegmann aus der Kommentatorenkabine am Zielstrich gefilmte Video würde ich ja gerne mal sehen…

Gegen die Zeit

In den Alpen belauerten sich die Favoriten. Nach und nach kristallisierte sich dann heraus, wer noch eine Chance auf den Gesamtsieg haben würde. Roglic und Pogacar blieben schließlich übrig. Mit weniger als einer Minute Abstand gingen sie in das alles entscheidende Bergzeitfahren in den Vogesen. Roglic als klarer Favorit. Der ehemalige Vuelta-Sieger ist wesentlich erfahrener, ein ausgewiesener Zeitfahrer und am Berg unerschütterlich. Was dann geschah, raubte den Atem. Tadej Pogacar sorgte für einen Ritt, der in die Geschichte des Mythos einging. Der 21-Jährige wechselte am Fuß der Planche des belles Filles sekundenschnell vom Zeitrad auf die normale Rennmaschine und flog dann diesen mörderischen Anstieg hoch. Der nach ihm gestartete Roglic kämpfte verbissen aber vergebens. Wie schmerzhaft muss es sein, nach elf Tagen in Gelb in wenigen Minuten alles zu verlieren. Man sah es ihm an, wie er panisch attackierte. Aus dem Sattel ging. Im Wiegetritt wild am Lenker riss. Und im Ziel doch realisieren musste, dass der große Traum, den Mythos Tour de France zu gewinnen, an den Rampen der Planche zerschellt war.

Drei gute Wochen

Pogacar ist damit der große Gewinner dieser Tour. Neben dem Maillot Jaune hat er sich auch das gepunktete Trikot des besten Bergfahrers und das Weiße Trikot des besten Nachwuchsprofis erkämpft. Und das bei seinem Tour-Debut. Noch beachtlicher macht dies, dass er es im Grunde genommen komplett ohne Hilfe seiner Mannschaft geschafft hat. Im Gegensatz dazu tut es mir für Jumbo Visma wirklich leid. Die Mannschaft hat Roglic unermüdlich beschützt und große Arbeit geleistet. Nicht zuletzt Tony Martin hätte ich eine rauschende Feier in Paris und einen fetten Prämien-Scheck gegönnt.
Ohne Wasser in den Wein kippen zu wollen, muss doch auch noch etwas angesprochen werden, das leider zum Radsport dazugehört. Bei Leistungen wie der Pogacars auf der 20. Etappe fragt man sich immer auch, ob diese Leistung fair zustande kam. Hoffen wir, dass niemand gedopt war.
Abschließend bleibt mir nur noch zu sagen, dass ich dankbar für die vergangenen drei Wochen bin. Diese Tour de France war klasse. Spannend und abwechslungsreich. Gerade in Corona-Zeiten tat es gut, dass die Tour ausgefahren wurde. Jeder, der heute auf die Champs-Élysées fuhr hat uns etwas geschenkt. Vielen Dank dafür. Alle 146 im Ziel angekommenen Fahrer sind Champions, denen ein Defilieren unter dem Triumphbogen gebührt. Allez!

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